Liebe RunaRubina,
ich wollte nochmal auf deine ursprüngliche Annahme mit dem Sechsstern und dem Bezug zu den Märchen zurück kommen.
Was die Reihenfolge, die du beim Sterntalermärchen gefunden hast, anbelangt, glaube ich, dass nicht alle Märchen in dieses Muster passen. Wegen der Schleife, die wir zu den Rauhnächten gezogen haben, bin ich das nochmal anhand des Märchens Schneeweißchen und Rosenrot durchgegangen.
Erst mal der Bezug zum Jahreskreis: Der Bär, der den Wintergott repräsentiert, überwintert bei der Mutter und den beiden Schwestern im Haus. Er trägt den Sonnengott bereits in sich, was deutlich wird, als er sich den Pelz beim Gehen an der Tür aufreißt und es golden durchschimmert. Die Mutter ist mit der Erdenmutter, auch Frau Holle, gleichzusetzten. Und das Haus steht hier für die winterliche Höhle. Die Schwestern sind keine Kontrahentinnen wie in vielen Märchen, sondern symbolisieren den Jahreskreis, die Jahreszeiten: Schneeweißchen die eher ruhigere Winterzeit und Rosenrot die quirlige Sommerzeit. Ihr Bezug zur Vegetation ist durch den weißen und den roten Rosenbusch angedeutet.
Der grimmige Zwerg ist wahrscheinlich ein im Laufe der christlichen "Korrekturen" heidnischer Mythen ausgegliederter Aspekt des Wintergottes, der in Bedrängnis gerät, weil er im Kampf gegen den Sonnengott letztendlich - wie jedes Jahr zur Wintersonnenwende - nicht gewinnen kann. Ursprünglich war es der zottelige, bärengleiche "wilde Mann". Natürlich endet alles mit der siegreichen Verwandlung des Bären zum Prinzen und der Hochzeit.
Jetzt zu den Tiefen:
Die 1. Tiefe steht am Anfang. Die Überwinterung des Bären bei Mutter Erde und den beiden Schwestern ist völlig harmonisch, denn die Mutter erkennt in dem Bären bereits den kommenden Sonnengott
Die 3. Tiefe kann man im Aufbruch des Bären sehen. Er muss fort, um seine "Schätze" vor dem Zwerg zu retten
Der Zwerge als Widersacher gegen die "Erneuerung" durch den Sonnengott, versucht nun all das unter seiner Kontrolle also in winterlicher Erstarrung (im Winter und der Erstarrung scheint die Trauer der 2. Tiefe durch, die aber "geheilt" wird) zu halten, was der kommende Frühling beleben will: den Baum, das Wasser und die Luft - auch wenn dies unterschiedliche Elemente bzw. Tiefen sind, zählen sie doch zur
1. Tiefe, der Erde, die in allen Bereichen erwachen will
Das Verhalten der Schwestern enthält stark die Qualitäten aus
der 4. Tiefe, indem sie mutig dem Zwerg aus allen misslichen Lagen helfen und
der 5. Tiefe, weil sie trotz seiner Tiraden es immer freundlich und mitfühlend tun. Gerade dadurch aber verhelfen sie dem Bären/Sonnengott zum Sieg (das hier der arme Zwerg erschlagen wird, halte ich für christliche Symbolik, da Zwerge im Heidentum durchaus auch zwar gelegentlich schwierige, aber anerkannte Mitgeschöpfe waren)
Die Verwandlung des Bären zum Prinzen gehört zur 6. Tiefe. Das "Gold" unter dem Pelz darf wieder scheinen und alles heilen und beleben. Das Urvertrauen ins Leben hat gesiegt.
In diesem Märchen geht es für mich vor allem um das Erwachen der Erde, die am Anfang, in der Mitte und am Ende immer präsent ist und ihr "Spiel" mit den übrigen Kräften.
In der TCM gab es ursprünglich alte Darstellungen der Elemente/Wandlungsphase, bei denen die Erde in der Mitte stand und die übrigen Elemente/Jahreszeiten/Himmelsrichtungen etc. sie umringten. Noch heute verbindet das Erdelement, obwohl inzwischen eingefügt in den Kreis der Elemente, die anderen Elemente durch 18-tägige, der Erde zugewiesene, Zwischenzeiten zwischen den anderen Elementen. Auch ihre Sonderstellung in der Zuordnung "Spätsommer" lässt darauf schließen, dass ihr einmal eine zentrale Stellung zukam.
Trotzdem ist es aufschlussreich, wie sehr
alle Tiefen zu dem jährlichen Zweikampf und dem Sieg der Erneuerung beitragen - auch wenn ich deine geniale Einordnung zu der "klassischen" Tiefen-Reihenfolge, liebe RunaRubina, mit meiner Interpretation jetzt etwas durchgeschüttelt habe. Es sind einfach unterschiedliche Sichtweisen und Prioritäten, die sich auch in Märchen und Mythen widerspiegeln. Bei deinem Ansatz spielt die
chronologische Entwicklung der Tiefen eine größere Rolle und bei diesem Märchen hier, geht es um einen urtümlichen mythologischen Zweikampf, der besondere Fähigkeiten erfordert, um ihn zu bestehen - deswegen passt dieses Märchen für mich so gut zur Wintersonnenwende.
Herzliche Grüße
von einer grippigen Waldeule
