Das Weihnachtskamel

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Varina
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Das Weihnachtskamel

Beitrag von Varina »

Das Weihnachtskamel


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Ein Kamel hoch beladen, zog durch die Wüste des Lebens. Es kannte schon die Frische der Oasen, das Rauschen des Wüstenwindes, den Geschmack des Kakteensaftes und der Datteln, die stehende Hitze der Sonne und die angenehme Kühle der Nacht. Es erfuhr vieles auf seinem langen Weg. Es wusste manches und barg dies in seinem Inneren. Seine Kamelseele liebte das Leben und alles was ihm je begegnete. Es war eben so. Es war ein Kamel, das vieles liebte und es liebte zu lieben. Offenbar war es ein Kamel mit Herz.
Diesmal zog es bedächtig und langsam. Es war ja nicht mehr so jung. Und es liebte selbst seine eigene Bedächtigkeit. Es dachte bei sich: Gott dürfte so groß sein wie die meine Wüste ,,Wahrscheinlich reicht er bis zum Wüstenrand’’, flüsterte es leise vor sich hin. Denn es redete oft mit sich selber auf seiner Lebensreise. Es hätte gerne mal über den Wüstenhorizont hinausgeschaut, aber es wusste, das geht nicht, denn darüber hinaus, dachte es, gibt es ja nichts mehr. Es war ein ziemlich einsames Kamel mit einem Wüstenhorizont, aber nicht so einsam, dass es nicht schon alle Facetten der Erfahrungen gemacht hätte. Es trug alle diese Erfahrungen auf seinem Buckel. Deswegen war sein Buckel auch so übermäßig groß. Und außerdem war es ein besonderes Kamel und stolperte dann und wann über ein Stein des Anstoßes. Und gerade das passierte in diesem Augenblick. Es stolperte. Aber nicht über einen besonderen, sondern über einen ganz gewöhnlichen Wüstenstein. Und nicht einmal über einen großen, sondern einen ganz kleinen, grauen, nichts sagenden, staubigen Stein. Das Kamel stürzte.
,,Ach’’ piepste der Floh in seinem Ohr, ,,dass dir so was passieren kann!’’
,,Wer hat dir erlaubt, in meinem Ohr Platz zu nehmen und meine Gedankengänge zu stören?’’ rief das Kamel ein klein wenig empört.
,,Ich’’ sprach der Floh.

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,,Im Übrigen, wenn man stolpert, soll man innehalten’’ fuhr der Winzling fort. ,,Und außerdem wohne ich von Anbeginn an in deinem Ohr. Allerdings hast du mich noch nie mit Anhören geehrt, mein Lieber. Ich bin dein treuester Freund, wenn ich ganz ehrlich bin. Aber du siehst mich ja nicht einmal. Ich sehe dich auch nicht. Ich sehe deinen Buckel, dein schön geordnetes Gepäck, spüre deine Bewegungen, ja jeden Schritt und fühle mich wohl.’’
Dann war eine Weile Schweigen.
,,Das mit dem Stolpern, das ist so eine Sache,’’ fuhr der Floh doch weiter, überglücklich, dass er sich endlich Gehör schaffen konnte. Er richte sich auf und war direkt stolz. Da oben, am Ohrrand kam er sich wie ein König aller Kamele vor, obwohl er wusste, dass er ein Floh war.
,,Du klingst nicht schlecht,’’ sprach das Kamel. ,,Noch nie habe ich dich wahrgenommen. Wie kannst du so lange mit mir den Weg gehen, ohne, dass ich dich spüre? Hm’’
,,Der Wüstenwind ’’ piepste der Kleine, ,,war oft zu laut’’ Er wollte das Kamel nicht kränken und sagte ihm nicht, dass er so manchmal im Ohr eingeschlossen war. Das Kamel pflegte nämlich, wenn ihm was nicht passte, die Ohren zu schließen.
Das Kamel nickte: ,,Wahrscheinlich, wahrscheinlich.’’
Dann aber überlegte sich das Kamel doch und ging in die Knie. Bald war es ganz auf dem Boden.
,,Du könntest recht haben,’’ sagte es zum Floh, ,,ich muss nachdenken.’’
,,Ja, du hast sowieso zu viel auf deinen Buckel!’’
,,Was! Sei nicht so dreist! Das sind meine Schätze. Ein ganzes Leben habe ich sie gesammelt.’’
,,Ich habe nie gesammelt und werde von dir ewig getragen. Ich stolpere nicht. Ich brauche keinen Buckel. Ich lebe gut. Und jetzt zu guter Letzt redest du mit mir... Was möchte ich noch mehr!’’ rief der Floh.
Das Kamel mit dem warmen Herzen schmunzelte. Und wenn es so schmunzelte, dann hörte selbst der Wüstenwind zu blasen auf und ließ die Dünen in Ruh, um sich den Nüstern des Kamels zu widmen, bis dieses niesen musste. Das machte dem Wüstenwind Spaß. Das Kamel war sein Freund.
,,Das viele Gepäck,’’ seufzte der Floh abermals. Er wollte und wollte nicht vom Thema weichen.
Das Kamel schwieg. Der kleine Floh, den es ja nur hörte, gefiel ihm. Jetzt, wo es seiner Sache nicht mehr so sicher war, wie früher, und unter der Last des Gepäcks stolperte, jetzt war es froh um den kleinen Wicht.
,,Dein Gepäck,’’ fing der Floh wieder an.
,,Was hast denn du mit meinem Gepäck?’’ raunzte das Kamel.
,,Dein Gepäck ist dir schon fast angewachsen. Im Sitzen, im Liegen, im Gehen, immer klebt es an deinem Buckel! - Hör zu! - Ich hätte so gute Ideen! - ZB.: Eine Oase der Geschenke. - Die einen lassen etwas da, die anderen holen sich was von hier.’’
,,Du glaubst doch wohl nicht, dass ich ein Leben lang gesammelt habe, um alles einfach wegzulegen, oder irgentwo in irgend einer Wüste verkommen zu lassen!’’
,,Aber nein,’’ piepste der Floh. ,,Nur was du nicht mehr brauchst. Damit du nicht zu schwer hast, nicht stolpern musst und nicht seufzt... Und außerdem, weiß man ja nie, wer deine Sachen vielleicht braucht. Im Übrigen nennt man das ,,Entrümpelung’’ und das ist an Weihnachten ,,in’’. ,,Es ist nämlich so’’, fuhr der Floh fort, da er selig war, vom Kamel angehört zu werden und sich sehr gescheit vorkam, ,,das an Weihnachten selbst der große Herrgott, mit dem du vorher gesprochen hast, nackt auf die Erde kommt! Bald ist nämlich Weihnachten’’.
,,Was du nicht sagst!’’ stutzte das Kamel ,, Nackt! So was tut man doch nicht!’’
,,Doch’’ erwiderte der Dünnstimmige : ,,Der Herrgott – das hab ich in einem Stall mal gehört, als du schliefst und die Schafe sich stritten – ist vom Himmelreich mit ohne nichts heruntergekommen. Ganz ohne nichts!’’
,,So’’ runzelte das Kamel die Stirn ,,Ganz ohne nichts.’’
Aber meine Sachen sind nicht Nichts. Sie sind wichtig! Die kann man nicht einfach stehen lassen, die kann ich überhaupt nicht weggeben, das sind ja meine Erinnerungen!’’
Der Floh war hartnäckig: ,,Wenn der Herrgott alles im Himmel ließ, kannst du das auch. Natürlich außer mir! Ich will bei dir sein. Weißt du überhaupt, was du da herumschleppst?’’
,,Was heißt herumschleppst? Rede, bitte, würdevoll mit mir!’’
,,Soll ich dir vielleicht erzählen, was du alles herumträgst?’’ korrigierte sich der Floh: ,,ich nämlich sehe es. Du kannst es gar nicht sehen, weil du gar nicht rückblicken kannst. Leg das Zeug in den Wüstensand und ich erkläre dir alles!’’
Das Kamel gab nach, ließ seine hunderttausend teuren Kisten, geschmückten Dosen, farbigen Schachteln auf den Sand fallen und der kleine Floh setzte sich zu oberst.
,,Das blaue zum Beispiel’’ piepste er ,,ist der Ärger über Tante Lisas Behauptung, du seiest unerfahren. Das große Weiße ist dein gescheiterter Asylplan für alternder und geschwächte Wüstengenossen.’’
,,Schnee von gestern’’ murmelte das Kamel etwas betroffen.
,,Schon geschmolzen’’ bemerkte der kleine Floh etwas frech weiter. Er fühlte sich klug, ,,und die beschlagene Kiste, die schwere, ist ein Misserfolg bei der Wüstentaxigesellschaft. Und diese farbige, wunderbare Handarbeit ist doch dein Hungerkünstlertum, auf das du immer so stolz warst.’’
Während er so redete, hüpfte er von einem Paket zum anderen.
,,Lass es vorbei...murmelte das Kamel und sah sich, wie es einstens fast gestorben wäre ohne Wasser und Nahrung. Es brachte das Opfer für einen jüngeren Genossen und fühlte sich dabei großmütig.
,,Und die farbige Schachtel, die ist deine Freude damals an den Kindern, denen du Wüstengeschenke gebracht hast. In den engen schmutzigen Gassen einer kleinen alten Stadt hast du sie verteilt.’’
,,Lass die Schachtel, nicht so wichtig’’ wackelte es zufrieden mit den Ohren. Dann streckte es sich plötzlich, schnaufte tief durch, reckte sich gemütlich
und ging in die Höhe.
,,Halt!’’ rief der Floh, aber das Kamel war so mit sich beschäftigt, nämlich mit seiner Erleichterung und mit der Freiheit seines Buckels, d.h. seines Höckers, dass es den Floh fast vergaß.
,,Halt, halt!“ schrie der erschrockene Winzling, aber das Kamel hörte ihn nicht. Sein Kopf war zu hoch oben.
Dem kleinen Floh kamen die Tränen. Er fühlte sich von allen guten Geistern verlassen. Da hauchte der Wüstenwind ganz sanft: ,,Hast du nicht gemerkt, dass ich extra stehen geblieben bin, damit ich dich bei deiner Arbeit nicht wegblase?“
,,Oh“ schluchzte der Floh ,, Liebst du mich auch, nicht nur das Kamel?“
,,Ja, natürlich ! Ich kann dich in sein Ohr tragen. Mach dir keine Sorgen.“
Der Winzling war ergriffen. Dann fasste er sich. Und weil er ein dankbarer Kerl war, flüsterte er:,, Danke, Herr Wüstenwind. Ich wusste gar nicht, dass so große Herren auch kleine Flöhe mögen. Danke, danke“.
Indes besann sich das erleichterte Kamel und suchte seinen kleinen Freund. Es senkte seinen Kopf. ,,Wo bist denn du , mein Erinnerungsgenosse?“
,,Hier bin ich!“ rief der Floh ganz aufgeregt.
Und zum ersten Mal erblickte das Kamel seinen Winzling thronend auf dem Hügel seiner hunderttausend Lebensgepäcke.
Er neigte sein Ohr zu ihm und der Floh hüpfte auf seinen gewohnten Platz.
,,Wenn wir uns beeilen,“ sprach das Kamel, ,,kommen wir noch rechtzeitig beim Stall an, wo der nackte groß- kleine Herrgott Weihnacht hat, er ließ alles zurück.“ - wir haben alles zurückgelassen.
Dann sprach er freundlich zum Wüstenwind: ,,Wüstenwind, was du brauchst kannst du verschenken, und das übrige mit Sand bedecken.
,,Danke! Vielleicht sehen wir uns wieder! Adieu!“
Und mit leichten Schritten trabte es weiter durch die Wüste des Lebens. Der Wüstenwind pfiff. Der kleine Floh ließ sich in seinem Ohr hin und her wiegen, bis er vor Erschöpfung einschlief. Erst beim Stall wachte es wieder auf.
Da war alles voller Licht und beide schauten und schauten und waren selig.
,,Das Weihnachtskamel“ staunte das Kind ,, und der Weihnachtsfloh!“ rief es.
Und alle im Stall guckten die beiden an. Die beiden, die da waren ohne nichts.



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Eine wunderbare Geschichte von Frau DDR. Banfy. Ich finde sie passt ganz gut zum heutigen Tag -11-überflüssiges Gepäck loslassen, damit wir mit LEICHTIGKEIT und FROHEM HERZEN weitergehen können.
Lieber Gruß von
Varina

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen
(von Emmanuel Kant)
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Momabo
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Re: Das Weihnachtskamel

Beitrag von Momabo »

schööööön, einfach wunderbar,was ihr alles für Schätze ausgrabt.... supertoll : 10

lg Mona
Herr, gebe mir Gelassenheit, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann,
gebe mir den Mut, die Dinge zu ändern die ich ändern kann und
die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
- Reinhold Niebuhr -
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Fish70
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Re: Das Weihnachtskamel

Beitrag von Fish70 »

Danke Varina,

für diese schöne Geschichte. Hat mir sehr gut gefallen.

lg

vom fish
Gesundheit ist weniger ein Zustand, als eine Haltung und sie gedeiht mit der Freude am Leben!
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optimistin
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Re: Das Weihnachtskamel

Beitrag von optimistin »

Hallo liebe Varina,
die Geschichte passt wirklich gut zu dem heutigen Tag "überflüssiges Gepäck loslassen".Vielen Dank.
aus dem ungemütlichen Norden Bildgrüßt Opti
Tränen sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind Zeichen dafür, dass man zu lange versucht hat, stark zu sein.
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